Freitag, 14. Februar 2014

Die große Desillusion: Souvenir (Forum)

Das also ist er in diesem Jahr, dieser ganz spezielle Berlinale-Film. Beziehungsweise das ganz besondere Kino-Erlebnis des Festivals. Im Arsenal an der Potsdamer Straße hat es sich zugetragen, diesem für hiesige Verhältnisse geradezu intimen Lichtspieltheater. Bevor die Vorstellung von Souvenir startet, eine jener hier dankenswert häufigen Durchsagen, der Filmemacher sei zugegen, eine Q&A-Session nach der Projektion angedacht. Ein flüchtiger Blick über die Schulter in jene Reihe in der Mitte des Zuschauerraums, die mit "Reserviert"-Schildern gepflastert ist.

Der Film beginnt. Es ist eine Mischung aus Dokumentation, Found Footage und Farce. Ein Mann, erklärt die Kommentatorstimme in leicht gebrochenem Deutsch, sei in der Antarktis verschollen. Was er hinterlassen habe, sei in Ausschnitten zu sehen: Hunderte Stunden Videomaterial, zumeist von Reisen und beruflichen Stationen überall auf dem Globus. Die Atmosphäre im Dunkel des Saals erheitert sich schnell. Das gemeinschaftliche Gelächter scheint sich aber gegen den unbeholfenen Selbstdarsteller zu richten. Es ist ein Amüsieren über Alfred Diebold, weniger mit ihm. Immer wieder inszeniert sich der Mann selbst im Bild, scheint sich in der Rolle des Unterhalters etwas zu gut zu gefallen – und sich eben dabei etwas zu tollpatschig anzustellen.

Aber sind wir, das Kinopublikum, wirklich ein gewünschter Adressat dieser Aufnahmen? In die Belustigung mischt sich ein unangenehmes Gefühl, eine zunehmend peinliche Berührung ob der eigenen, plötzlich so voyeuristischen Rolle. Wenn Diebold sich etwa bei Telefonaten filmt, die in Wahrheit ganz offensichtlich Selbstgespräche sind, mag man lieber wegsehen. Und woher erscheint das Gesicht des ungewöhnlichen Protagonisten bloß vage bekannt? Aus einer Fernsehreportage etwa? Etwas dergleichen erscheint plausibler, als auch die politischen Karriereversuche Diebolds thematisiert werden. Höhepunkt des rezeptionellen Unbehagens dann die Dokumente der Beziehung des Filmenden zu einer Frau, die schließlich schwer erkrankt. Als Diebold der viel zu jung Verstorbenen eine Art Video-Nachruf widmet, ist echte Betroffenheit ununterdrückbar.

Bald darauf gewinnt der (unfreiwillig) komödiantische Ton von Souvenir wieder Oberhand. Alfred Diebold zieht in den Europawahlkampf. Er besucht die Berlinale. Die vierte Wand fällt: Dieter Kosslick schwadroniert in seinem legendären Denglisch über die Unsinnigkeit vieler Pressekonferenzfragen. Als Festival-Berichterstatter fällt man vom schallenden Lachen ins heftige Kopfnicken. Wie recht Kosslick doch hat! Indes berichtet Diebold über Andreas Dresens Wichmann-Film – und ahmt ihm in Doppelfunktion (portraitierter Politiker und eigener Dokumentarist) nach. Der mitnehmende Kreis schließt sich mit einem erneuten Verweis auf Diebolds Verschwinden im ewigen Eis.



Abspann. Der Vorhang fällt. Auf die Bühne davor wird der junge Regisseur André Siegers gebeten, er erntet herzlichen Applaus. Siegers bittet seine Mitarbeiter zu sich. Als letztes ruft er "den Mann, ohne den wir alle nicht hier wären", auf. Für einen Moment herrscht Totenstille im Arsenal. Alfred Diebold erhebt sich aus seinem Sitz, eilt nach vorne, winkt nervös. Er hat Tränen in den Augen. Das Publikum spendet ihm den lautesten Beifall. Nicht ohne allseits verunsichert ausgetauschte Blicke, versteht sich. Die kollektive Verlegenheit ist förmlich mit Händen greifbar. Sie wird auch Diebold nicht entgangen sein.

Kurz darauf kehrt dieser zurück auf seinen Platz. Für die Fragerunde stehen nur Siegers, der Produzent und einer der Cutter zur Verfügung. Was man dem Film denn jetzt überhaupt noch glauben könne, fragt ein Zuschauer. Er wirkt völlig hilflos. Die Fraktion der Wahrhaftigkeitsjäger unter dem Dokumentarfilmpublikum hat ein weiteres Mitglied verloren. Er wird an diesem Abend nicht das einzige gewesen sein. Anderthalb Stunden, die von der wundersamen Kraft des Kinos zeugen.

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