Freitag, 15. Februar 2013

Tag 8: Sperrgebiete

Wer im Vorfeld der Berlinale beim Blick in die Besetzungsliste des nicht konkurrierenden Wettbewerbsfilms Dark Blood nicht stutzig geworden ist, muss im Schulfach Filmhistorie hinter der Säule gesessen haben. Dass dort als Hauptdarsteller ein gewisser River Phoenix geführt wird, sollte den gemeinen Cineasten gründlich verwundern - ist der ältere Bruder des Kollegen Joaquin (demnächst in The Master, der Rolle seines Lebens, zu bewundern) doch bekanntermaßen im Oktober 1993 an einer Überdosis verstorben.
Der Film, dessen Dreh der so frühzeitige Tod Phoenix' seinerzeit beendete, war eben Dark Blood. Es ist eine kleine Sensation, dass das 20 lange Jahre von der Versicherung unter Verschluss gehaltene Filmmaterial nun doch noch publik wird. Regisseur George Sluizer, durch eine schwere Krankheit ermutigt, schnell zu handeln, ist des Gedrehten auf, so heißt es, illegalem Wege habhaft geworden und hat es so vor seiner endgültigen Vernichtung bewahrt. In seinem späten Versuch, das damalige Projekt schließlich zu vollenden, montiert Sluizer nun nicht nur das hervorragend erhaltene Material in der vorgesehenen Abfolge, sondern liest die fehlenden Drehbuchpassagen selbst aus Off vor.


Dark Blood
© Berlinale


Judy Davis und Jonathan Pryce spielen ein Ehepaar auf der Suche nach den verblassenden Gemeinsamkeiten. Auf der Fahrt durch die Wüste New Mexicos streikt der Oldtimer, die beiden sind im Nirgendwo gestrandet. River Phoenix ist Boy, ein junger, verwitweter Halb-Indianer, dessen mystisch anmutende Holzhütte die einzige weit und breit. Nachdem Boy dem Paar zunächst seine Hilfe anbietet, trägt sein Verhalten immer obskurere, gewalttätigere Züge. Gerade mit dem Wissen um den damals nahenden Tod des Schauspielers sind die Überschneidungen von Realität und Rolle heute unverkennbar. Das erratische Verhalten Boys, der der von Judy Davis herrlich verkörperten Ehefrau zunehmend verfällt, spiegelt das von Exzessen dominierte Leben Phoenix' in wahrhaft gespenstischer Weise.
Zu Beginn bezeichnet Sluizer selbst die jetzige Filmversion als dreibeinigen Stuhl, dem er durch die Montage und Ergänzungen zwar zu einer gewissen Standfestigkeit, aber eben nicht zu einer wie immer gearteten Vollständigkeit verholfen habe. Dieses Bild ist sehr passend, zumal sich weiterspinnen lässt, dass der im Vergleich zu seiner Intention unabänderlich mangelhafte Film kaum so belastbar ist wie ein stabiles, intaktes Sitzmöbel. Alleine die einleitenden und begleitenden Voice-Over-Passagen Sluizers geben dem Film eine dokumentarische Färbung - das eines abendfüllenden Making-ofs mit sehr langen Filmausschnitten, möchte man meinen. Dass insbesondere Innenaufnahmen fehlen, erhöht die Präsenz der staubtrockenen Natur, beraubt die Erzählung gleichzeitig allerdings ihres psychologischen Unterbaus. Dark Blood erlangt somit eine hybride, launische Erscheinungsform - ein filmhistorisches, insofern lohnenswertes Unikat ist der Film aber allemal.

Ein weiterer Aspekt von Sluizers spannender Rekonstruktion, vom dem sich wohl nie klären lässt, inwiefern er mangels der ungedrehten Szenen maßgeblicher Substanz beraubt wurde, ist das Setting. Mehrmals spielt Dark Blood auf die in der Wüste praktizierten Atomwaffentests an, werden die widerwilligen Touristen per Schildern vor Verseuchung gewarnt.
Die Folgen jahrzehntelanger Experimente mit Kriegswaffen beleuchtet auch die abstrakte Dokumentation Materia oscura des italienischen Regiegespanns Martina Parenti und Massimo D'Anolfi, aufgenommene in das diesjährige Programm des Forums. Der Film verwebt eigene und Videos, die offenbar Militärarchiven entnommen worden sind, mit Impressionen aus der Landschaft und Tierwelt der Umgebung eines gigantischen Testgeländes auf Sardinien. Dabei verzichten die FilmemacherInnen gänzlich auf eine gesprochene Kommentierung des Geschehens, im besten Sinne suggestiv tragen sie ihr Anliegen durch die Montage der Gegensätze, durch Abfolgen von Ursache und Wirkung vor. Gerne hätten einzelne Passagen etwas kürzer, gleichzeitig der Umfang der Beispiele etwas größer sein dürfen. Auch dass die in der Filmmitte gezeigte Tötung und Autopsie einer offenbar missgebildeten Maus in ihrer Drastik die gesamte Inszenierung überlagert - und somit von der eigentlichen Problematik eher ablenkt -, hätte Parenti und D‘Anolfi bewusst sein müssen. Das soll und kann die Relevanz des engagierten Projektes aber nicht tilgen: Alleine auf die Existenz und die unfassbaren Implikationen des größten Areals für Waffentests in Europa aufmerksam zu machen, kann man dem Regieduo kaum hoch genug anrechnen.


Materia oscura
© Berlinale


An der Fortschreibung einer „Topographie des Terrors“, um den Titel des Berliner Projektes zur Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus zu zitieren, hat sich auch der Filmemacher Claude Lanzmann beteiligt. Aus seiner essentiellen Mammut-Dokumentation Shoah (1985) hatte der französische Regisseur den besonderen Fall des Yehuda Lerner ausgekoppelt und 2001 unter dem Titel Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures eigens behandelt. In Hommage an Lanzmann - Träger des Goldenen Ehrenbärens 2013 - zeigt die Berlinale im Rahmen der Stationen seines filmischen Lebenswerkes auch diesen wichtigen Dokumentarfilm nochmals.
Der Titel benennt den genauen Zeitpunkt des einzigen erfolgreichen Aufstandes von Insassen eines Vernichtungslagers der Nationalsozialisten. Der damals 16-jährige Lerner spaltete im Rahmen der minutiös synchronisierten Aktion mit einer Axt den Schädel eines der SS-Aufseher. Zu seiner Vorgeschichte - Lerner war zuvor aus acht (!) Konzentrationslagern geflohen, jedoch jeweils erneut inhaftiert worden - sowie der Planung und Durchführung des Aufstandes in Sobibór interviewte Lanzmann den polnischen Juden bereits 1979. Die wesentlichen Abschnitte dieses Gesprächs werden in Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures um einige nüchterne Aufnahmen der jeweiligen Schauplätze ergänzt. Trotz der nicht einfach zu folgenden Vielsprachigkeit (die hebräischen Aussagen Lerners wurden von einer Dolmetscherin simultan ins Französische übersetzt, das wiederum englisch untertitelt ist) entsteht so ein beeindruckendes, ein erschütterndes Bild der damaligen Geschehnisse. Frappierend auch der entscheidende Garant, der das Gelingen der Verschwörung überhaupt ermöglichte, so Lerner: die gnadenlose Pünktlichkeit der Deutschen.

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