Freitag, 15. Februar 2013

Tag 7: Unsicherheiten

An Episode in the Life of an Iron Picker (Epizoda u životu berača željeza), zu sehen in der Hauptsparte, zeigt ebendas: den schwierigen Abschnitt im ohnehin sehr bescheidenen Dasein eines Familienvaters, der sich einen Hungerlohn damit verdient, Eisen zu sammeln. Nicht viel mehr, aber eben auch nicht weniger. Der bosnische Regisseur Danis Tanović, 2002 mit einem Oscar für sein aufwühlendes Kriegsdrama No Man‘s Land bedacht, zeichnet auch mit seinem neuen Werk ein bestürzendes Bild seiner krisengeschüttelnden Heimat.
Episode in the Life of an Iron Picker vermittelt diese traurige Erkenntnis allerdings anhand eines denkbar schlicht entworfenen und umgesetzten Dramas. Dass die Darsteller Laien sind, sich mehr oder minder selbst spielen, muss man kaum nachlesen, so unmittelbar wirkt ihr Agieren. Diese Rohheit, diese Direktheit kann man bewundern, es lässt freilich auch fragen, was das genuin (spiel)filmische Moment dieser ungeschminkten Bestandsaufnahme darstellt. Dass die Reportage sich aufdringliche Interpretationsvorschläge verkneift, ist jedenfalls ein Glück. Wie der Protagonist verzweifelt darum ringt, seiner Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat, die notwendige und obszön teure Operation zu ermöglichen, erzählt Tanović in nüchternen Bildern, die ihre Wirkung aufgrund der hohen Authentizität allerdings nicht verfehlen.
Nach dem letztjährigen, zu Recht dreifach ausgezeichneten Just the Wind aus Ungarn weist die Festivalleitung durch die Auswahl von Episode zum zweiten Mal auf die empörende Situation der Roma hin. Alles andere als zumindest erneut ein Silberner Bär wäre eine politisch bedauernswerte Entscheidung.


An Episode in the Life of an Iron Picker
© Scott Gardner/Berlinale


Die elementare Problematik der Gesundheitsversorgung insbesondere armer Bevölkerungsschichten - auch die Roma-Familie bei Tanović kann sich keine Krankenversicherung leisten - ist nur ein Aspekt, den der Brite Ken Loach in der sehenswerten Dokumentation über sein Heimatland unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges verhandelt. Loach, der sich bereits in zahlreichen Spielfilmen als Kämpfer gegen die Nöte der Arbeiterklasse profiliert hat, vollzieht in Spirit of '45 den Vormarsch demokratisch-sozialistischer Bestrebungen im Großbritannien der Vierziger und Fünfziger Jahre nach. Mit Hilfe historischer Filmaufnahmen und zahlreicher Zeitzeugen, deren ungemein plastische Statements ebenfalls in schwarz-weißen Bildern festgehalten sind, rekonstruiert Loach die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachkriegsära sehr anschaulich.
Dass der Filmemacher unverhohlen Stellung zugunsten der Verstaatlichung zentraler Unternehmen bezieht, lässt sich dem längst als Sozialrealist etablierten Loach kaum verübeln. Einzig der hohe Bogen, den der Film in seinem letzten Drittel zur (nicht mehr ganz) gegenwärtigen Occupy-Bewegung schlägt, ist wohl, zumal in dieser galoppierten Zusammenfassung, etwas arg viel des fraglos Guten. Die vollkommen unbestreitbare Linie zu heutigen Krisensymptomen und deren Gegenbewegungen wäre auch ohne direkten Hinweis offensichtlich geblieben. Den Spirit of '45, der schließlich auf der Agenda des in der Rubrik „Berlinale Special“ platzierten Dokumentarfilms steht, erfasst Ken Loach jedenfalls auch für sich genommen ganz ausgezeichnet.

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