Montag, 11. Februar 2013

Tag 4: Blue Movies

Plant man sich seinen individuellen Tagesablauf bei einem Festival wie der Berlinale alleine nach Filmtitel, Regisseur und Herkunftsland (mehr geben sämtliche Programmübersichten für die Presse nicht her), führt das, klar, zu Überraschungen. Absurd gegensätzliche Filme folgen da mitunter einander, ein prächtiges Fernost-Kampfballett auf prätentiöses europäisches Kopfkino etwa. Manchmal hält dieses - zugegeben vermeidbare - Glücksspiel wiederum zu Kombinationen, die kein Kurator besser arrangieren könnte.

Mit Lovelace, zu sehen in der Reihe Panorama Special, widmet sich das mit seiner dokumentarischen Arbeit bekannt gewordene Duo Rob Epstein/Jeffrey Friedman (The Celluloid Closet) einem längst vergessenen Schicksal. Einen Einblick in das Leben der Frau, die 1972 als Linda Lovelace kurzen Weltruhm für ihre Hauptrolle in Deep Throat erlangte, gewähren sie allerdings in Form eines Spielfilmportraits. Mit großer Courage spielt Amanda Seyfried die Titelrolle und lässt den prompten Einstieg der 22-Jährigen in die Pornoindustrie zunächst komödiantisch-unterhaltsam miterleben. Zur Mitte wendet sich das Blatt, als Epstein/Friedman alle Register des fiktionalen Films ziehen und die Erzählung zugunsten der dramatischen Aspekte ihrer Lebensgeschichte revisionieren. Plötzlich erscheint Lindas Mitwirken im wohl erfolgreichsten Blue Movie der Geschichte unter dem Zwang ihres gewalttätigen Ehemannes (entfesselt: Peter Sarsgaard).



Nicht nur angesichts dieser nur leicht abgewandelten Rise-and-Fall-Dramaturgie erinnert Lovelace oft an Paul Thomas Andersons Milieustudie Boogie Nights - manche der verwendeten 70er-Songklassiker und die Titel-Schriftart sind gar gleich. Dass Epstein und Friedman für ihr Portrait die Form des Biopics gewählt haben, mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass es mit Inside Deep Throat (Panorama 2005) bereits eine thematisch eng verwandte Dokumentation gibt. So legitim und spannend spielfilmerische Biografien grundsätzlich sind, zeigt der Vergleich mit dem Dokumentarfilm von Fenton Bailey und Randy Barbato die perspektivischen Verengungen, die eine Fiktionalisierung bedingen kann. Während sich Lovelace manche Verkürzung erlaubt (gleichzeitig aber Vollständigkeit markiert) und den Blickwinkel der als Linda Boreman geborenen späteren Aktivistin gegen Pornografie vollkommen zueigen macht, verweist nicht zuletzt Inside Deep Throat auf Widersprüche in deren Darstellungen. Als reiner Spielfilm erreichen Epstein/Friedman jedenfalls das Maximum - anfänglich Jubel, Lachen, dann Scham und Entsetzen, kurz: ein Wechselbad der Emotionen zu provozieren.

Das Regiedebüt des erst 31-jährigen Schauspielers Joseph Gordon-Levitt (Inception) schließt an die Thematik fast nahtlos an. Don Jon's Addiction (ebenfalls Panorama) ist freilich zeitgenössische Pornografie und auch der Filmstil dem Internet Age gänzlich gemäß. In audiovisuellem Furor, denkbar bunt und laut, erzählt Gordon-Levitt, wie der von ihm selbst verkörperte Protagonist für seine neue Flamme, die Scarlett Johansson wunderbar egomanisch-tussihaft spielt, Polygamie und Pornokonsum aufgeben will. Die wahre Rettung wartet indes in Form einer zunächst völlig abwegigen, wesentlich älteren Abendmitschülerin (in einem genialen Schachzug mit der großen Julianne Moore besetzt) auf den hoffnungslos in idealisierten Rollenbildern verfangenen Jon. Wie bei ins Regiefach wechselnden Darstellern üblich, konnte Gordon-Levitt seinen Film bis in die kleineren Parts brillant bestücken - unter anderem mit dem einstigen "Wer ist hier der Boss?"-Star Tony Danza in der Vaterrolle. Die Stärken der sonst wenig subtilen Inszenierung liegen in den unzähligen, oft beiläufigen authentischen Re- und Dekonstruktionen gegenwärtiger Wirrungen männlichen Selbstverständnisses. Auch insofern stellt Don Jon's Addiction eine gespenstisch passende Ergänzung zur weiblichen Perspektive von Lovelace dar.
Als geplantes Double Feature hätte man diese beiden Werke allenfalls als zu offensichtliche Paarung abgelehnt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen