Samstag, 9. Februar 2013

Tag 2: Dagegen!

Ein Jahrgang, der mit einer bescheidenen Revolution begonnen hat, lässt ein bald spürbares qualitatives Gefälle befürchten. Der polnische Film In the Name of... (W imiee...), erster Anwärter des Offiziellen Wettbewerbs, verschiebt die mögliche Ernüchterung einstweilen und tritt hinter die Brisanz des sozialkritischen Werkes der Kollegin Baskova kaum zurück. Auch Malgośka Szumowska hat mit ihrem Film das erstaunt geraunte R-Wort in den Gängen des Berlinale-Palastes provoziert. Ein Drama aus dem so katholisch geprägten Polen, dass sich ungeniert dem Lebenskampf eines homosexuellen Priester widmet? Undenkbar, mochte man meinen. Szumowskas aufmerksamer Blick, ihre schönen inszenatorischen Einfälle und ihr toller Hauptdarsteller machen das Unerwartete möglich, die Problematik greifbar - und damit sehr nachdenklich. Ein unbequemer, starker erster Entry der Hauptsektion.

In the Name of... (W imiee...)
© Berlinale

Mit dem direkt folgenden Wettbewerbsbeitrag verbindet In the Name of... neben der jeweils praktizierten Videotelefonie (deren multimediale Eignung das Kino inzwischen für sich entdeckt zu haben scheint) die Thematisierung vermeintlicher Tabuthemen. Gus Van Sants Promised Land dürfte für die Festivalleitung eine annähernd perfekte Symbiose dargestellt haben: eine unabhängige US-Produktion mit politischem Zündstoff und dennoch für die liebe Medienresonanz so wichtigen großen Namen. Matt Damon spielt nicht nur die Hauptrolle des zunächst skrupellosen Propagandisten eines milliardenschweren Erdgaskonzerns, sondern zeichnet auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Die gleiche Dreifachbelastung ist John Krasinski zu attestieren, er gibt einen gegnerischen Umweltaktivisten, der das folgenschwere Fracking zur Energiegewinnung zu verhindern versucht.
Als US-Ökothrillerdrama folgt Promised Land einer durchaus massenkompatiblen Tradition, die etwa Erin Brockovich vom diesjährigen Mit(wett)bewerber Steven Soderbergh enthält. Ungewöhnlich ist Van Sants Beitrag alleine ob der Perspektive, die fast ausschließlich Mitarbeitern der fraglos bösen Energiekonzerne folgt, zu denen auch eine wunderbar lakonische Frances McDormand gehört. Trotz ihrer eher klassischen Machart differenziert die Erzählung, die gravierenden Risiken der Technik, die längst auch hierzulande kontrovers diskutiert wird, scheinen überdeutlich.



Ob der hauptsächliche Schwerpunkt von Drehbuch und Film tatsächlich auf dieser ökologischen Fragwürdigkeit liegt, darf man dennoch bezweifeln. Wie Co-Autor Damon lapidar bestätigte, interessiert sich seine Geschichte mindestens ebensosehr für eine ganz grundsätzliche Bestandsaufnahme der ländlichen "American identity". Auch als solche ist Promised Land, der bei seiner USA-Veröffentlichung im Januar auf leider zunächst eher geringe Resonanz gestoßen ist, sehenswert.


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