Freitag, 8. Februar 2013

Tag 1: Widersprüche

Wer manche Gepflogenheit der Berlinale besser kennt als deren Mitarbeiter, darf sich bei den Festspielen allmählich zu Hause fühlen. Nach hektischem Einbiegen in die Alte Potsdamer Straße, deren Bäume wie üblich weihnachtlich geschmückt, der gewohnte Anblick des hell erleuchteten Berlinale-Palastes im Hintergrund, der freilich wenig von seiner Pracht verloren hat. Beim Abholen der Badge, jener Einlassberechtigung im Checkkartenformat, die skeptische Frage, ob die Pressestelle in den Katakomben des Palastes denn noch geöffnet habe, gekontert mit der immergleichen - erwartungsgemäß falschen - Beteuerung, das sei der Fall. Der erste Ärger, nicht auf Instinkt und Erfahrung gehört zu haben und, nach unnötigem Marsch durch die pünktlich einsetzenden Schneewehen, von den feierlich berobten Palastwächtern abgewiesen zu werden.

For Marx... (Za Marksa...)
© Berlinale

Die Revolution folgt auf den Fuß. Die Vorführung des russischen Forum-Beitrags For Marx... (Za Marksa...) hat noch nicht begonnen, da kündigt sich dessen Detonationspotenzial bereits unverkennbar an. Man möge bitte nicht erschrecken, beschwichtigt Regisseurin Svetlana Baskova in gebrochenem Englisch, die ersten 20 Minuten ihres Films seien etwas chaotisch, das lege sich danach aber. Verunsichertes Gelächter. Kurz darauf erweist sich das beinahe genaue Gegenteil: Nur von einigen tristen industriellen Ansichten unterbrochen, findet die Auftaktsequenz in einer Kameraeinstelllung im Inneren eines Busses statt; unwillkommene - und, so darf man mutmaßen: ungewollte - Verwirrung stiften indes einzig die sehr holprigen englischen Untertitel, die auch im Folgenden ein Höchstmaß an Konzentration und zusätzlicher Übertragungsleistung erfordern.
Weitere 20 Minuten später, die Arbeiter einer Stahlfabrik haben gerade eine Gewerkschaft gegründet, dann die ersten kollektiven Abwanderungen aus dem Kinosaal - für hartgesottene Filmfreunde ein untrügliches Zeichen, dass es nun interessant werden dürfte. Und tatsächlich, keine fünf Filmminuten darauf der erste Szenenapplaus der Verbliebenen! Grund der berechtigten Beifallsbekundung ist ein Dialog, der in Witz, Absurdität, filmreferenziellem, ja: philosophischem Gehalt dieser Tage schwer zu überbieten sein dürfte. Einer der aufbegehrenden Protagonisten legt den Umstehenden die Opposition Brecht‘scher und Hollywood‘scher Filmstrategien dar. Die Wirkung der Szene liegt nicht alleine im Spiel des Darstellers, das kongenial zwischen völliger Leidenschaft und völliger Verunsicherung changiert. In den wenigen energisch gestammelten Worten erklärt Baskova mal eben die wesentlichen Funktionsweisen des Weltkinos. Dass und wie sich das auch ganz speziell auf ihre Gesellschaftsgroteske Za Marksa... anwenden lässt, muss man mit eigenen Augen gesehen haben.
Ein verstörender, fulminanter Festivalauftakt, der in der Tat, ja: irgendwie revolutionär ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen