Freitag, 24. Februar 2012

Berlinale 2012: Ein Rückblick

Das also war sie, die Berlinale 2012. Oder vielmehr meine Berlinale 2012. Was überhaupt nicht egoistisch gemeint ist – nur realistisch. Wenn man von einem Festival, das genau 395 Filme umfasst, exakt 30 davon gesehen hat, steht einem schlicht nicht mehr zu als eine ganz persönliche Einschätzung. Gut siebeneinhalb Prozent – die wären nicht nur in der Politik zu wenig, um weltumspannende Reden zu schwingen.

Wettbewerb

Die eigenartigen, aber leider eben eigenartig konservativen Entscheidungen der Internationalen Jury um Mike Leigh haben den Schlusspunkt des diesjährigen Wettbewerbs, der Hauptprogrammsektion, gebildet. Der Goldene Bär für Cesare deve morire (Caesar Must Die) der beiden italienischen Ü80er Paolo und Vittorio Taviani erscheint vielen doch eher merkwürdig für ein Festival, das sich erklärtermaßen Nachwuchsfilmern und dem jungen Kino verschrieben hat. Wie bei vielen großen Auszeichnungen für vergleichsweise vernachlässigenswerte Filme aus der Spätphase der jeweils Prämierten fragen sich auch in Berlin nicht wenige, ob hier nicht eher dem Lebenswerk der Gebrüder Taviani gehuldigt werden sollte.

Paolo und Vittorio Taviani
© Berlinale

Als überzogen müssen auch die beiden Bären für Die Königin und der Leibarzt gewertet werden, einem soliden, aber konventionellen Kostümfilm über Dänemark zu Zeiten der Französischen Revolution. Während der Darstellerpreis für Mikkel Boe Følsgaard (als Christian VII.) noch in Ordnung geht – den allerdings Mads Mikkelsen in der Hauptrolle des deutschen Arztes ebenso verdient hätte – ist der Drehbuch-Bär unverständlich. Wie erwähnt, verarbeitet der durchaus vergleichbare Wettbewerbsbeitrag Les adieux à la Reine (Leb wohl, meine Königin!) die umstürzlerische Zeit wesentlich gebrochener und doch frischer. Viel nachvollziehbar sind indes die Silberne Bären für Regisseur Christian Petzold (Barbara) und das beklemmende ungarische Drama Just the Wind, dem übrigens auch der Friedensfilmpreis sowie der Amnesty-International-Filmpreis der Berlinale zuerkannt wurden.

Christian Petzold
© Berlinale

Entsprechend positiv ist auch mein insgesamter selektiver Eindruck des Berlinale-Wettbewerbs 2012. Unbedingt erwähnenswert – und zu Unrecht leer ausgegangen – sind vor allem Billy Bob Thorntons Jayne Mansfield's Car, ein heimlicher Antikriegsfilm, verkleidet als groteskes 60er-Jahre-Familiendrama, sowie Hans-Christian Schmids Was bleibt, ein gänzlich unverkleidetes Familiendrama. Gleichzeitig sind die beiden Werke somit auch Ausdruck eines der übergreifenden Themen dieses Jahrgangs, der sich zentral und in allen Facetten innerfamilären Konflikten gewidmet hat. Bemerkenswert auch, dass es im Wettbewerb dieses Mal keinen einzigen Totalausfall zu verzeichnen gab – auch nicht Matthias Glasners Gnade, der dennoch viel zu lang und offensichtlich ist, oder den formelhaften Horror-Fremdling Dictado.

Highlights

Zu den stilleren Höhepunkten außerhalb des Wettbewerbs zählt mein persönlicher Lieblingsfilm Friends After 3.11, Shunji Iwais wahrhaft unfassbar differenzierte und tiefschürfende Dokumentation über die Erdbeben-Tsunami-Atom-Katastrophe und deren Folgen. Empfehlenswert ist auch der sicherlich sehr lange, aber ebenso lohnenswerte Dokumentarfilm Marley, der die empörende Informationslücke über den großen Bob Marley endlich schließt. Der für das Selbstverständnis des Kinos wichtigste Beitrag der Berlinale ist die Dokumentation Side by Side, die die Digitalisierung des Mediums thematisiert. Produzent und Interviewer Keanu Reeves ist zu verdanken, dass darin fast jeder US-Filmschaffende von Rang und Namen zu Wort kommt. Von der veränderten Kameratechnik bis zu heutigen Projektion, von Christopher Nolans Nostalgie bis David Finchers Fanatismus ist Side by Side sehr ausgewogen und fundiert – nimmt aber eben für keine der im Titel verewigten Seiten Partei, liefert dafür aber umso mehr Argumentationsfutter für die nächste Stammtischdiskussion. Wie diese drei Filme verdeutlichen, erwiesen sich 2012 die Dokumentationen als zumindest qualitativ stärker denn die zahlreichen Fiktionen des Berlinale-Programms.


Beeindruckend war auch die Generalprobe der Uraufführung des restaurierten Stummfilm-Klassikers Oktjabr (Oktober, 1927) von Grigori Aleksandrow und Sergej Eisenstein, wenn auch die tolle Orchestermusik – zumindest in der Probe – das mühevoll aufpolierte Bildmaterial etwas in den Hintergrund drängte.
Eine perfekte Symbiose von Ton und Bild zeigte dagegen der extrem coole und tiefgründige Neo-Noir Headshot des thailändischen Kultregisseurs Pen-ek Ratanaruang über einen Ex-Cop, der nach dem titelgebenden Kopfschuss die Welt verkehrt herum sieht – ein gesellschaftskritisches und atmosphärisches Highlight der Sektion Panorama.
Ebenfalls aus Asien, aber ganz und gar dem filmischen Mainstream zugehörig war der Martial-Arts-Kracher Flying Swords of Dragon Gate von Tsui Hark und mit Jet Li (den beiden Machern von Once Upon a Time in China ff.), der ästhetische Fortentwicklung von 3D bietet, weil er die heute inflationär gebrauchte Technik tatsächlich sinnvoll und gewinnbringend einsetzt.

Verbesserungswürdiges

Von Jahr zu Jahr immer enervierender und vernachlässigenswerter werden indes die Berlinale-Pressekonferenzen. Während der Informationsgewinn stetig sinkt, steigt der Fremdscham. Das liegt natürlich nur zum Teil an der Berlinale-Organisation selbst, obgleich die PK-Moderatoren, die weiterhin weder des Englischen noch einer halbwegs korrekten Aussprache der Gästenamen auch nur ansatzweise mächtig sind, ihren nicht unwesentlichen Beitrag zum Misslingen der Fragerunden beitragen. Der Hauptvorwurf gilt aber auch im Jahr 2012 der denkbar uninspirierten und immer wieder erschreckend uninformierten Presse. Die einen lassen sich von den prominenten Filmschaffenden regelmäßig Plots erklären, andere – ein spezieller Kollege besonders dreist – stellen gestandenen Schauspielern die immergleiche Frage, wie zum Himmel sie in der Lage sind, ihren Job auszuführen.

Neben manchem kleinen – und angesichts der Größe des Festivals sicher verzeihlichen – organisatorischen Wehwehchen, gab es in diesem Jahr ein flächendeckendes Problem, das der Berlinale nicht würdig ist: die fehlende Bildschärfe bei etlichen Projektionen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die leider beide gegen die Festspielleitung sprechen: Entweder ist mindestens die Hälfte der Kameraleute der Festivalfilme in Sehfähigkeit bzw. Fachwissen massiv beeinträchtigt – oder es liegt an den Berlinale-Vorführern.

Themen – Trends – Tendenzen

Das von Dieter Kosslick vorgegebene Thema "Out of Africa" ließ sich auf der 62. Berlinale durchaus wiederfinden (wenn auch der in zahlreichen Filmen aufgegriffene Arabische Frühling aus organisatorischen Gründen an mir persönlich vorbeigegangen ist). Auffallend ist aber auch darüber hinaus, dass sich das politische Kino in diesem Jahr in der Tat stark behaupten konnte. Selbst und gerade beide größten Gaststars der Berlinale, Angelina Jolie und Meryl Streep, waren mit dezidiert politischen Filmen auf dem Festival vertreten.


Eher noch als afrikanische erwiesen sich verschiedenste europäische Krisen als zentraler Fokus des Jahrgangs. Von der Französischen Revolution (Les adieux à la Reine) und Ablegern (A Royal Affair) über den Ost-West-Konflikt (Barbara), den Nordirlandkonflikt (Shadow Dancer), den Bosnienkrieg (In the Land of Blood and Honey) bis hin zur allzu gegenwärtigen Finanz- und Sinnkrise Europas arbeiteten sich die Filme beinahe systematisch an der Geschichte des Kontinents ab. Vertretungsweise für die Auseinandersetzung mit der derzeitigen Europakrise sei hier nochmals auf Romuald Karmakars Angriff auf die Demokratie verwiesen, jener dringend sehens- und verbreitungswürdigen Montage wissenschaftlicher Thesen zu möglichen Wegen aus der Krise. Nicht nur nach der Vorführung dieses Films war der weit über die Spielstätten hinausweisende Gestus der Berlinale 2012 spürbar. Deutlicher lässt sich die gesellschaftspolitische Aktualität und Relevanz des gesamten Festivals nicht beschreiben – dieses Lob haben sich die Internationalen Filmfestspiele Berlin in ihrer 62. Ausgabe redlich verdient.

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