Samstag, 11. Februar 2012

Aujourd'hui

Die Wassermarke, die von der Berlinale-Organisation in diesem Jahr gratis an die Pressevertreter verteilt wird, gibt es in den Sorten "laut" und "leise" (mit bzw. ohne Kohlensäure). Auf die Festivalbeiträge gemünzt, gehört Don 2 sicher in die erste Sparte. Der Wettbewerbsbeitrag Aujourd'hui ist dagegen vor allem mit einer Vokabel treffend umschrieben: leise. Sehr langsam und stets bedacht wird darin die Geschichte Satchés entwickelt, eines Mannes, der nur noch einen Tag zu leben hat (warum, erklärt der Film nicht). Regisseur Alain Gomis nimmt sich viel Zeit, sich dem Protagonisten zu nähern, er spürt ihn zunächst rein visuell auf, ertastet seine Physiognomie mit der Kamera. Akustisch scheint Gomis allenfalls an Geräuschen und Musik tatsächliches Interesse zu haben. Die wenigen, spärlichen Dialoge, in denen Satchés Mitmenschen ihre Reaktion auf den bevorstehenden Tod des Sohnes, Freundes, Ehemannes, Geliebten, Nachbarn verbalisieren, wirken daher umso nachhaltiger.

Der Spoken-Word-Künstler und Rapper Saul Williams als Satché darf als früher Favorit auf den Silberbären als bester Darsteller gehandelt werden. (Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Als HipHopper hat Saul Williams wohl zusammengenommen weniger Platten verkauft als Eminem Demotapes vor Beginn seiner Karriere im Trailerpark verteilt hat.) Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Mann, dessen gesamte bisherige Künstlerkarriere vom gesprochenen Wort lebte, in dieser überaus wortkargen Rolle brilliert.

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